
Eine ungewöhnliche und beeindruckende Lesung. Gemeinsam mit Alfons Haider, Sandra Pires und Gertrude Aubauer liest Fadumo Korn aus ihrem Buch. Sie erzählt in berührender Weise ihre drei Leben...

... vom somalischen Nomadenkind aus den Savannen nach Mogadischu, Italien und Deutschland. Dort lebt sie heute mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn.
Die Welt in Somalia steht nur den Männern offen
Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ist in Somalia klar definiert. Bei den Somalischen Nomaden beherrschen die Männer in jeder Hinsicht das Feld.
Die Männer reisen und die Frauen hüten das Vieh und die Kinder. Ein Mann führt keine niederen Arbeiten aus. Er umsorgt seine Kamele, tötet Löwen, überfällt feindliche Clans. Seine Frau kümmert sich um das Übrige. Männer bekommen das beste Fleisch; Frauen essen die Reste. Männer haben einen eigenen Schlafplatz, während Frauen und Kinder sich eine Matte teilen…
In Somalia genießen Männer alle Freiheiten, sie gehen in die Stadt, reisen, nehmen sich mehrere Frauen. Ein Mann kann einer Frau jederzeit die Kinder wegnehmen; dann ist sie allein und mittellos.
Eine Hexe, sie war ganz sicher eine Hexe…
Die Dominanz der Männer in großen Teilen Afrikas drückt sich wohl am grausamsten in der immer noch weithin verbreiteten Tradition der rituellen Beschneidung der Mädchen aus.
Die Frau schien sehr alt zu sein, denn sie ging gebeugt. Trotzdem lief sie zügig auf uns zu. Als sie uns erreichte, grüßte meine Mutter ehrerbietig. Die Alte murmelte ein paar Worte, die ich nicht verstand, und ließ sich, ohne mich eines Blickes zu würdigen, auf dem Boden nieder. Sie trug ein schmutziges, zerlumptes Wickeltuch, und ihre Haut war ganz faltig. Sie breitete ein Tuch im Staub aus und begann, geheimnisvolle Worte zu murmeln,um die bösen Geister und alle Teufel verschwinden zu lassen.
Eine Hexe. Sie war ganz sicher eine Hexe.
Die Alte begann jetzt, einen Beutel zu leeren und ihre Utensilien auszubreiten. Ein Säckchen Asche. Ein Stöckchen. Ein Döschen mit Kräuterpaste, Stacheln eines Dornenbuschs, Elefantenhaare. Eine Rasierklinge, die sie vorsichtig in zwei Hälften brach. Ihre Lider hingen schwer über beiden Augen, ich fragte mich, ob sie sehen konnte, was sie tat. Sie griff nach dem Stöckchen, teilte das obere Ende mit der Rasierklinge und schob die Klinge in den Schlitz.Dann umwickelte sie das Ganze mit einem Stück Sisalseil. Es sah aus wie ein kleines Beil.
Ich wollte schreien. Ich wollte fortlaufen.
Fadumo Korn war schon in Europa verheiratet, als ihr die Unsinnigkeit der vorgeschobenen Begründungen für Beschneidung bewusst wurden.
Die „uralte Tradition“ wurde in ihrem Fall mit einem chronischen Leiden bezahlt: Rheuma. Und Magersucht.
Der Weg zur Heilung führt sie von Mogadischu über Italien nach Bonn und München.
An manchen Tagen waren beide Beine von der Hüfte bis zu den Füßen geschwollen; ich konnte nicht einmal allein zur Toilette gehen... Ich bekam Asthma. Ich hörte auf zu wachsen.
Trotzdem ging ich weiter zur Schule. Geradezu verbissen stürzte ich mich in die Vorbereitungen zur bevorstehenden Abschlussprüfung. Ich hatte begriffen, dass ich eines Tages womöglich mit leeren Händen dastehen würde; alles, was mir dann blieb, war meine Bildung.
Ich hatte wieder Glück, denn ich kam in ein Land, in dem es gute Ärzte und Kliniken gab. Meine Beschwerden wurden gelindert; heilen kann man sie nicht...Ich habe meinen Mann kennen gelernt. Ich habe einen einfühlsamen Arzt gefunden. Beide haben mich darin unterstützt, eine Frau zu werden, die ihren Körper mag. Dafür bin ich dankbar, und ich möchte dieses Glück teilen. Ich möchte Frauen, die das gleiche Schicksal durchlitten haben, Vorbild und Stütze sein. Und ich möchte verhindern, dass jeden Tag aufs Neue Mädchen Opfer dieses grausamen Rituals werden. Wenn ich nur ein Mädchen davor bewahren kann, hat sich die Mühe schon gelohnt.
Die Lesung fand am 19. Oktober statt. Eine Veranstaltung des Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen in Kooperation mit SWI-Österreichische Stiftung für Weltbevölkerung und Frauen ohne Grenzen.