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Österreichische Stiftung für Weltbevölkerung und internationale Zusammenarbeit



27. Juni 2005

Frauengesundheit im Irak

Die Situation im Irak ist bekanntlich prekär. Doch wie steht es um die Gesundheitsversorgung im Irak, speziell für Frauen? Ein Bericht über die Lage der Infrastruktur, die Bedürfnisse der Frauen und die anhaltende Gewalt gegenüber Frauen im Irak.

Anlässlich ihres Besuchs in Wien, im Rahmen eines von Frauen ohne Grenzen veranstalteten Pressegesprächs am 31. Mai 2005, sprach Manal Omar unter Anderem über die Lage der Gesundheitsversorgung für Frauen im Irak. Manal Omar ist die Länderdirektorin des irakischen Büros von Women for Women International. Die Organisation, die seit 2003 im Irak stationiert ist, führte mehrere Studien zur Situation und zu den Bedürfnissen irakischer Frauen durch und ihr Bericht „Windows of Opportunity“ wurde von Manal Omar in Wien vorgestellt.

Drei wesentliche Anliegen stellten sich im Zuge der Studien als die derzeit prekärsten und wichtigsten für irakische Frauen heraus: Sicherheit, Arbeitsmöglichkeit und Infrastruktur im Sinne von Elektrizität und Zugang zu Wasser. Mängel in diesen Bereichen erschweren täglich das Leben unzähliger Menschen im Irak und behindern auch das Funktionieren des ohnehin überlasteten Gesundheitssystems. Viele Krankheiten, die vermieden werden könnten, wie z.B. Malaria, Durchfall oder Typhus, treten sehr häufig auf und sind ein ständig wiederkehrendes Problem. Manal Omar erzählte von einer Gruppe von irakischen Ärzten, die in eines der Zentren von Women for Women International kamen und anboten, in ihrer Freizeit Kurse in Gesundheitsvorsorge zu geben:

Manal Omar : „Die Ärzte sagten, sie seien so überfordert in der Notaufnahme, dass sie bereit seien, ihre gesamte Freizeit zur Verfügung zu stellen, um Frauen zu unterrichten. Denn das meiste, das sie in der Notaufnahme sähen, könne durch Vorsorge verhindert werden. Sie kamen und gaben kostenlos Unterricht in Geburtsvorsorge und machten Bewusstseinstrainings im Bereich grundlegender Hygiene. Ich fand es phänomenal von den Ärzten, dass sie das umsonst taten. Besonders, wenn man an die Gefahr und die Bedrohung für die irakischen Ärzte denkt.

Unsere Frauen waren begeistert. Sie bedrängten die Ärzte fast, weil sie es sich nicht leisten können, z.B. zu einem Gynäkologen zu gehen und zu fragen. Einige unter den freiwilligen Gynäkologen waren Männer und wir hatten uns anfangs Sorgen gemacht, ob die Frauen ihnen überhaupt Fragen stellen würden. Doch die Frauen hatten einen solchen Wissensdurst und so viel Bedarf an Ratschlägen, dass sie überhaupt keine Probleme damit hatten, ihre Fragen zu stellen.“

Ein weiteres auffälliges Problem, so Manal Omar, sei das häufige Auftreten von Krebs, insbesondere Brustkrebs, sowie von Geschwülsten an den Eierstöcken, die zu Fruchtbarkeitsproblemen führen. Viele der Frauen, mit denen Women for Women International arbeite, haben Brustkrebs; allerdings sei derzeit noch völlig unklar, wie diese Anhäufung von Krebsfällen zu erklären sei.

Aufgrund der prekären Sicherheitslage im Irak ist auch der Zugang zu Krankenhäusern schwierig. Manal Omar : „Viele lokale Anlaufstellen werden geschlossen. Der Zugang zu Gesundheitseinrichtungen wird also für Frauen, besonders in ländlichen Gebieten, wo wir sehr viel arbeiten, zu einem Problem. Wenn eine Frau in der Nacht Wehen bekommt, ist sie in großen Schwierigkeiten, falls sie nicht einen Arzt in ihrer Nähe hat oder jemanden, der sich auskennt. Es ist sehr gefährlich, einfach in ein Auto zu steigen und ins Krankenhaus zu fahren. Schon Zugang im Sinne von ‚Wie komme ich zum Krankenhaus?' ist ein Problem.“

Leider konnte Manal Omar auch von einem Phänomen berichten, das sie auf die katastrophalen Sicherheitsbedingungen und die kaum vorhandene Kontrolle zurückführt: Viele der Frauen, mit denen Women for Women International arbeitet, sind Opfer von Vergewaltigungen oder „Ehrenverbrechen“. Für Frauen, die Opfer solcher Gewaltverbrechen werden, gibt es derzeit keine Hilfe – weder rechtlichen Schutz, noch spezielle ärztliche Behandlung, noch psychologische Betreuung.

Manal Omar schildert: „Wir haben viele Vergewaltigungsopfer aber wir können bisher formell nichts gegen die Vergewaltigungen in Zentral- und Südirak tun. Es gibt viele wichtige Bedürfnisse, aber man braucht eine gewisse Sicherheit und Stabilität, um sie anzusprechen. Was wir tun, ist eine Fall zu Fall-Geschichte. Vergewaltigungen stehen gewöhnlich Ehrenverbrechen sehr nahe, aber wir haben auch andere Formen von Ehrenverbrechen und wir versuchen, den Frauen jeweils individuell zu helfen. Aber es gibt keine offizielle, allgemeine Art, diesen Bedürfnissen zu begegnen. Ich würde gerne eine systematische und institutionalisierte Antwort auf diese Verbrechen sehen, aber es gibt keine.

In vielen Fällen von Frauen, die vergewaltigt wurden, können wir nicht einmal einen Gynäkologen bekommen, um sie zu untersuchen. Sie werden von Gerichtsmedizinern untersucht. Das einzige, was wir tun können, ist, ihnen jemanden an die Seite zu stellen, der sie begleitet, damit sie das alles nicht alleine durchmachen müssen. Es ist dramatisch für die Leute, die sie begleiten – zur Polizei gehen, die Untersuchung in der Gerichtsmedizin – Ich bin nicht überrascht davon, dass Frauen nicht Anzeige erstatten wollen. Ich würde wahrscheinlich nicht Anzeige erstatten. Es ist sehr schwer, die Frauen dazu zu bringen, Anzeige zu erstatten. Es fehlt eine institutionalisierte Antwort auf diese Themen.“

Auf die Frage, ob sie denke, dass es jetzt mehr oder weniger Gewalt im Irak gebe als zuvor unter dem Regime Saddam Husseins, antwortete Manal Omar mit einer persönlichen Einschätzung: Es seien wahrscheinlich nur unterschiedliche Formen von Gewalt und, so paradox es klingen mag, darum haben die Frauen Hoffnung:

Manal Omar : „Meine Einschätzung basiert allein auf den Interviews, die ich gemacht habe - ich habe viele Frauen interviewt, die unter dem vorigen Regime gefoltert und vergewaltigt wurden. Sie wären darüber erstaunt, wie viel Geld in Maschinen gesteckt wurde, z.B. Maschinen für Klitoris-Schocks, Elektroschocks und ähnliches mehr. War es schlimmer? Ich denke, es sind nur verschiedene Formen von Gewalt gegen Frauen. Ich denke nicht, dass man sagen könnte, ob es schlimmer oder besser ist. Wenn es einen klaren Unterschied gibt, ist es jener zwischen der wahllosen und willkürlichen Gewalt, die jetzt herrscht, und der institutionalisierten Gewalt, die vorher geschah. Das ist, warum Frauen voller Hoffnung sind: Die institutionalisierte Gewalt kann man nicht stoppen. Sie ist da. Ihr gegenüber empfindet man totale Hilflosigkeit.

Die wahllose Gewalt ist ein Resultat von Kontrollverlust. Und es gibt bereits viele lokale Nachbarschaften, die Kontrolle über ihr Gebiet übernehmen. Obwohl die derzeitige Gewalt schlimm ist, hat sie irgendwann ein Ende. Ich hoffe sehr, dass sie irgendwann ein Ende hat. Ob es derzeit besser oder schlechter ist, weiß ich nicht, es ist schwer zu sagen. Die Menschen sind voller Hoffnung.“

 

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