
Anlässlich des Internationalen Tages der Armutsbekämpfung präsentiert die Österreichische Stiftung für Weltbevölkerung und Internationale Zusammenarbeit einen aktuellen Bericht von Mag.a Magdalena Holztrattner, Armutsforscherin und Theologin, zur Armut vo
Mag.a Magdalena Holztrattner
1) Patriarchat als strukturelle Ungerechtigkeit gegen Frauen:
Frauen, machen, wie fast überall auf der Welt, auch im zentralamerikanischen El Salvador mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus. Trotz juridischer Gleichstellung ist jedoch die Gesellschaft auch hier von der faktischen Gleichberechtigung der Geschlechter im öffentlichen wie privaten Bereich weit entfernt. Das hat seinen Hauptgrund in der kulturell festgeschriebenen patriarchalen Struktur der Gesellschaftsordnung, die den weitgehenden Ausschluss von Frauen aus den meisten öffentlichen, politischen, kulturellen, religiösen und wirtschaftlichen Bereichen mit sich bringt. Diese Ideologie der Unterwerfung der Frauen bzw. der Dominanz der Männer wird begründet mit der genetischen Konstituierung und manifestiert sich in der kulturellen Wahrnehmung der Rollen, die Frauen und Männer in einer Gesellschaft ausüben (sollen): Der „richtige“ Platz von Frauen liegt im Bereich des Heimes und der Familie, in häuslich-reproduktiv-edukativen Arbeiten. Sichtbare und unsichtbare Hindernisse verstellen so Frauen den Weg zu voller politischer, sozialer, ökonomischer und kultureller Gleichberechtigung in der salvadorianischen Gesellschaft.
Die kulturelle Wahrnehmung und Tradierung der gesellschaftlichen Ungleichheit der Geschlechter wird im lateinamerikanischen, und hier speziell im salvadorianischen Kontext als Machismo bezeichnet und wird definiert als “die präpotente Haltung der Männer gegenüber den Frauen”. Eine weiter gefasste Definition versteht darunter eine Verhaltensweise, die kohärent ist mit dem sozialen System des Patriarchats, in welchem Männer und Frauen zwei ungleiche, hierarchisch organisierte Gruppen bilden, wobei die Männer die Macht besitzen und die Frauen diesen untergeordnet sind. Die Erhaltung dieses Systems liegt dabei in der Verantwortung beider Gruppen: Bei all jenen Frauen und Männern, welche diese tradierten „Glaubenssätze“ kritiklos übernehmen, im eigenen Handlungsbereich fortführen und unreflektiert an die nächste Generation weitergeben. Dabei stellt diese asymetrische und ungleiche Beziehung zwischen Frauen und Männern ein wesentliches Merkmal der salvadorianischen Kultur dar. Mit dieser kulturellen Zuschreibung symbolischer Konstruktionen von Geschlecht (gender), basierend auf dem biologischen Geschlecht (sex), verkehrt sich die biologische Diversität in Geschlechterungerechtigkeit, die der Unterwerfung der Frau unter den Mann sowie der Gewalt jenes gegen diese Tür und Tor öffnet.
Der "kleine Unterschied" ist Grund für den strukturellen Ausschluss einer Bevölkerungshälfte und Ursache für massive Menschenrechtsverletzungen gegenüber Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts. Seine Auswirkungen sollen hier im salvadorianischen Kontext an den Beispielen politischer Partizipation, Arbeitsplatz und Gewalt konkretisiert werden.
2) Das Fehlen von Frauen in der politischen Öffentlichkeit von El Salvador
„Indem Frauen und Mädchen die Gleichheit der Möglichkeiten, ihre Rechte und demokratischen Freiheiten auszuüben, nicht zuerkannt wird, indem ihre Teilnahme am öffentlichen Leben beschränkt und ihr Beitrag an der gesellschaftlichen, regionalen und nationalen Entwicklung eingegrenzt wird ist diese Gewalt, begründet auf der Verschiedenheit der Geschlechter, ein direkter Angriff auf die Bürgerinnenrechte der Frau.“
Ausgehend von Daten des Berichtes des UNDP für El Salvador 2003 kann festgehalten werden, dass die politische Partizipation von Frauen sehr gering ist. Trotz des 1953 gesetzlich verkündeten Frauenwahlrechtes sind aktuell nur 21,3 % der staatlichen Posten in Frauenhand. Diese verteilen sich bevorzugt in so genannten „weichen“ Bereichen wie z.B. der „Kommission für Familie, Frauen und Kinder“ und in Posten mit geringer Macht- und Entscheidungsbefugnis. Die Tendenz ist - entgegen öffentlicher Bekundungen - stagnierend bzw. rückläufig: Im Parlament ist die Zahl der weiblichen Abgeordneten von ca. 20% (1997-2000) auf (2003-2006) nur 10,7%, die Zahl der Bürgermeisterinnen von 22% (1997-2000) auf aktuell 6,5% gesunken.
Die numerisch geringe Präsenz von Frauen in öffentlichen Ämtern und ihr Fehlen in machtvollen und entscheidungsrelevanten Positionen wirkt sich so direkt negativ auf den Einflussbereich von Frauen aus: Je weniger Frauen wichtige und hohe Posten besetzen, umso weniger können sie aktiv andere Frauen in ähnliche Positionen bringen bzw. umso weniger Vorbilder gibt es für Frauen, die sich gesellschaftlich und politisch engagieren wollen.
Das Fehlen von (Geschlechter)Gerechtigkeit im öffentlich-politischen Bereich ist - in zirkulärer Schlussfolgerung - ein Spiegelbild einer patriarchalen Gesellschaft, die ungerecht und undemokratisch ist, weil in ihr fast nur Männer das Sagen haben, denn:
„Solange Frauen aus dem politischen Bereich ausgeschlossen sind und, folglich, ihre Interessen und Werte nicht repräsentiert werden, ist das Land weit entfernt von wahrer Demokratie.“
2) Unrecht am Arbeitsplatz: Hausangestellte
Mit Muchacha wird in El Salvador eine Hausangestellte benannt, die - in fast allen Familien der Mittel- und Oberschicht - das Haus und die Küche in Ordnung hält, kocht, (meist mit der Hand!) wäscht, bügelt, näht, putzt, die Einkäufe tätigt und die Kinder der Familie erzieht. Die Bezeichnung dieser Arbeitskraft mit einem Terminus, der in der Spanischen Sprache ein junges Mädchen, eine Jugendliche bezeichnet, spiegelt die Wirklichkeit wider, in der diese Frauen - und Kinder! -, die meist vom Land oder aus der städtischen Unterschicht kommen und wenig bis keine schulische Bildung haben, infantilisiert und weitgehend entrechtet werden: Es ist trotz des gesetzlich bestimmten Mindestlohnes von monatlich derzeit 150 US-$ Gang und Gäbe, den Angestellten weniger zu bezahlen und ihnen keine Sozialversicherung zukommen zu lassen. So gehören sie zu denjenigen, die in „low-skill“-Jobs arbeiten und sich als so genannte „working poor“ trotz einer bezahlten Arbeit unterhalb der Armutsgrenze bewegen. Bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit von 12-16 Stunden täglich ist die Freizeitregelung sehr vage bis gar nicht ausgehandelt und liegt meist bei 2 Tagen im Monat. Da ist es für schulpflichtige und schulwillige Mädchen sehr schwierig bis unmöglich, am Abend noch die Schulbank zu drücken, zumal dies Schlafmangel und die Gefahr des nächtlichen Heimweges mit sich bringt und sie darüber hinaus oft keine Zeit oder Kraft haben, die Hausübungen zu machen. Somit werden durch diese Arbeitsverhältnisse nationale und internationale Rechte gebrochen, da die Schulbildung und die physische wie psychische Entwicklung dieser Mädchen durch wirtschaftliche Ausbeutung behindert werden.
Vor allem im ländlichen Kontext wird Mädchen auch weiterhin häufig wenig Schulbildung zugestanden, da ihre primäre Lebensaufgabe darin gesehen wird, zu heiraten, Kinder zu bekommen, den Haushalt zu besorgen und der Familie und dem Mann zu dienen. Auf Grund dieser Tatsache sind es vor allem Frauen, die von Armut stärker betroffen sind - und hier besonders Alleinerzieherinnen oder Frauen von Alkoholikern - und informelle oder/und unterbezahlte Arbeiten unter miserablen Bedingungen annehmen müssen, um sich und ihre Familie zu ernähren.
Zu dieser wirtschaftlichen Not der Hausangestellten, die sie in diese Art von Arbeit drängt, kommt erschwerend noch der bereits erwähnte Machismo hinzu, der die Abhängigkeitssituationen dieser meist jungen Frauen ausnützt und sie oft zu Objekten sexueller Nötigung und Gewalt durch die im Haus lebenden Männer macht. Das ist z.T. auch dadurch bedingt, dass die Angestellten im Haus wohnen - in einem engen, meist finsteren Zimmer mit kleiner Nasszelle gleich zwischen Küche und Arbeitsbereich.
Der Grad dieser modernen Form von Sklaverei, die von der Öffentlichkeit heruntergespielt oder negiert wird, hängt zweifelsohne auch davon ab, wie selbstbewusst und informiert die Muchacha ihre Rechte einfordern kann - und davon, wie sehr sie von dieser Arbeitsstelle abhängig ist. Diese Umstände spiegeln in tausenden konkreten Frauenbiographien gesellschaftlich geduldete oder kulturell legitimierte und so perpetuierte strukturelle Ungerechtigkeiten wider.
3) Gewalt gegen Frauen in der Familie
In diesem von den Nachwirkungen des Bürgerkrieges (1980-1992) geschüttelten Land, das (gemessen an der EinwohnerInnenzahl) statistisch die meisten Gewaltverbrechen Lateinamerikas verzeichnet, ist auch Gewalt gegen Frauen in der Familie „normal“: Gewalt gegen Frauen fordert mehr Tote und Verletzte als Krebs, Straßenverkehr und Krieg. Sexuelle Gewalt trifft in mehr als der Hälfte der Fälle Mädchen. Der Großteil der Teenagerschwangerschaften ist das Resultat erzwungener Beziehungen. Gewaltverbrechen passieren auch und gerade an jenem Ort, der traditionellerweise mit Sicherheit und Geborgenheit assoziiert wird: die Familie. 94% der Opfer häuslicher Gewalt sind Frauen, jährlich werden ca. 300 Frauen von ihren Ehemännern ermordet und nur ca. 20% aller Fälle werden vor Gericht gebracht. Das trägt wiederum dazu bei, Gewaltverbrechen gegen Frauen und deren Täter(innen) unsichtbar zu machen. Allein die Tatsache, in El Salvador als Frau zu leben ist ein Faktor erhöhter Verletzlichkeit und Gefährdung.
Gewalt gegen Frauen ist ein Ausdruck sozialer Interaktion, die u.a. ihren Grund hat in den ungleichen Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern. Dieser Mangel an Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen öffnet den Weg für Beziehungen, die, in interpersonaler wie auch institutionalisierter Form, von Dominanz und Zwang gekennzeichnet sind und wegen der angenommenen Überlegenheit des Mannes Gewalt gegen Frauen als Form der Maßregelung rechtfertigt. Dabei drückt sich Gewalt nicht nur physisch aus, sondern auch psychisch, juridisch, politisch, wirtschaftlich und moralisch und stellt, durch den Staat passiv geduldet und auch aktiv ausgeübt, eine Verletzung der Menschenrechte dar.
Gewalt gegen Frauen ist mit ein Grund, nicht oder weniger leicht aus Armutsverhältnissen ausbrechen zu können, denn „eine Frau, die sich bedroht fühlt, ist nicht in der Lage, ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten auszunützen“. Denn wie sollte eine Frau ihre Potenziale frei entfalten können, wenn sie direkt und indirekt, in der Öffentlichkeit und in der Familie von verschiedenen Formen der Gewalt bedroht und eingeschüchtert wird? Gewalt als Ausdruck von (struktureller) Ungerechtigkeit ist armutsperpetuierend. Und umgekehrt trägt Armutsbekämpfung eine wesentlich friedensstiftende Dimension in sich. Armutsverminderung muss somit eng an die Verminderung häuslicher, gesellschaftlicher und staatlicher Gewalt gegen Frauen geknüpft werden. Es bedarf der Schaffung und Förderung gesellschaftlicher und struktureller Gerechtigkeit, um als Frau in El Salvador gleichberechtigt und sicher ein würdiges Leben in Freiheit führen zu können.
Die Autorin, Armutsforscherin und Theologin, arbeitet als DOC-Team-Stipendiatin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften am Dissertationsprojekt "Einbeziehung von Betroffenen in der Armutsforschung am Beispiel Jugendlicher in El Salvador"
Kontakt: Magdalena.Holztrattner@sbg.ac.at