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Österreichische Stiftung für Weltbevölkerung und internationale Zusammenarbeit



08. Juni 2010

„Das Leben ist nicht ausschließlich Komfort“

Ein Portrait der Somalisch-Schwedischen Menschenrechtsaktivistin Qoran Noor

qoran noor

Die Popularität der Piraten an der somalischen Küste und die internationale Aufmerksamkeit die Somalia in der Vergangenen Zeit dadurch erfuhr, geben einen Einblick in die kritische soziale und politische Situation Somalias. Die öffentliche Diskussion blieb jedoch verhaftet an den internationalen wirtschaftlichen Auswirkungen der Piraterie. Gemessen am Human Development Index gehört Somalia zu den Ländern mit dem weltweit niedrigsten Lebensstandard. Neben demografischen Herausforderungen ist Somalia auch heute noch geprägt von den Auswirkungen des Clan-basierten Bürgerkriegs Anfang der 1990er.

 

Qoran Noor wurde in Somalia geboren und wuchs die ersten fünfzehn Jahre in Mogadishu auf, bis ihre Familie dem Jobangebot ihres Vaters folgend nach Stockholm zog. Nach über zwanzig Jahren in Schweden, zog es sie nach dem Abschluss ihres Studiums in Human Rights and Democracy, sowie African International Development, wieder nach Somalia zurück. Die Motivation dazu ging mit den Eindrücken aus dem 1993 ausbrechenden Bürgerkrieg einher. Der Flüchtlingsstrom der auch Schweden erreichte brachte sie den Geschehnissen Somalias insofern nahe, als sie zu diesem Zeitpunkt in schwedischen Flüchtlingslagern als Dolmetscherin arbeitete. Die Geschichten die sie zu übersetzen hatte waren Zeugnisse davon, „wie Menschen durch den Krieg zu Opfern wurden, wie Familien ermordet, wie viele Frauen vergewaltigt wurden [...]. 2006 schloss ich meinen Master ab und beschloss nach Somalia zurück zu gehen, um mit Somalis zu arbeiten. Denn ich glaube, das Problem in Somalia kann nur von Somalis gelöst werden“.

 

Worauf Qoran in diesem Zusammenhang ansprach war ein weiteres Problem mit dem Somalia konfrontiert ist, Brain Drain. „Wer bleibt, wenn alle ausgebildeten Menschen aus einem Land gehen?“. Qorans Haltung zu dieser Frage zeigt sich in ihrem Lebenslauf. Vor einem Jahr begann sie bei einem gemeinsamen Projekt von UNDP Somalia und Islamic Relief als Gender Equality und Human Rights Advisor zu arbeiten. Die Organisationen waren stationiert in Nairobo, Kenya, operierten jedoch in Somalia. Qorans Aufgabe war es dabei Trainings in Kleingruppen, für Frauen, Männer, SchülerInnen sowie religiöse Führungspersonen zu Gender Fragen abzuhalten. Ursprünglich wäre ein Jahr für die Vorbereitung und Umsetzung dieser Trainings geplant gewesen.

Entgegen ihren Ambitionen und der persönlichen Verbindung zu Somalia waren es jedoch der Sicherheitszustand und ihre kontroversiell wahrgenommene Rolle, die es ihr nicht erlaubten länger im Land zu bleiben. „Ich dachte, ich würde über Gender sprechen, aber für sie brachte ich westliche Werte. Wenn ich mit ihnen sprach meinten sie ‚oh Qoran, du bist mehr Schwedin als Somali, worüber du sprichst, ist nicht Teil unserer Kultur’“ Die Angst, die mit Qorans Arbeit verbunden wurde, betraf wenig überraschend die Auseinandersetzung mit traditionellen Verhaltensmustern. Dies zum einen. Zum anderen jedoch galt die Kritik einer Überlegenheit westlicher Werte die im Training antizipiert wurden. Die Angst vor einer Haltung, die westliche Werte als „besser“ beurteilte, davor, „dass ihre Kultur und Verhalten unterentwickelt seien“. Diese Reaktion spiegelte Qorans Intention nicht wieder, doch trotz aller kleidungstechnischer und linguistischer Anpassungsbemühungen, konnte sie das Stigma des Westens nicht endgültig abschütteln.

 

Die restriktive Haltung wurde zwar auch von der Bevölkerung entgegengebracht, vor allem aber von der Führung religiös extremistischer Gruppierungen. So waren es letztere, denen Qorans Engagement in Gender Fragen schlussendlich zu gefährlich wurde. Nachdem sie wiederholt mit der Aufforderung das Land zu verlassen persönlich bedroht wurde, beschloss ihre Organisation sie von Somalia nach Kenia zu versetzte. Selbst hätte sie die Drohungen nicht als allzu ernst eingestuft. Eher als Artikulation einer konservativen Angst die die Tradition in Gefahr sah.

 

Zur Zeit ist Qoran noch in Kenia stationiert. Das Programm läuft bald aus, doch ihre Motivation nach Somalia zurück zu gehen wirkte ungebrochen. Auf die Frage warum sie sich derartigen Herausforderungen stelle und woher sich die Motivation ableite gab Qoran zurück „was auch immer man macht, man wird immer auf Herausforderungen stoßen. Was mich hielt, war dort zu sein, die vielen Menschen zu sehen die das Land nie verlassen haben, obwohl zwanzig Jahre lang Bürgerkrieg herrschte. Leute, die traumatisiert sind und trotzdem Hoffnung haben“ so Qoran. „Ich meine, ich bin ein Mensch, und ich glaube nicht, dass ich besser bin als die Menschen in Somalia.“ Als Somali und Teil der Diaspora die Ausbildung und Möglichkeit hätte zurückzugehen, definiert sie ihre Entscheidung als „Akt der Solidarität“. „Dank Schweden hatte ich ein angenehmes Leben, ich hatte Ausbildung, und Gesundheit“. Den Menschen in Somalia wären diese Chancen nicht offen gestanden. „Ich empfinde es als Verantwortung, meinem Land etwas zurück zu geben. Das Leben ist nicht ausschließlich Komfort“. Und obwohl sie Schweden als zuhause definierte, wäre es Somalia, das ihre Expertise und Qualifikation mehr benötigen würde.

 

Links:

http://hdrstats.undp.org/en/countries/data_sheets/cty_ds_SOM.html

http://www.so.undp.org/

http://www.islamic-relief.com/

 

Das Portrait folgte einem Interview, gefüjrt am 25. Mai 2010 in Maria Wörth.

Foto: Julia Schlager

 

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