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Österreichische Stiftung für Weltbevölkerung und internationale Zusammenarbeit



06. April 2010

Im Gespräch mit Nadia Al Sakkaf

Die Herausgeberin der Yemen Times über demografische Herausforderungen ihres Landes, die prekäre Situation von Frauen, kritische Strukturen und positive Errungenschaften

nadia swi

Im Rahmen der Kampagne Reproductive Health Matters veranstaltete das SWi am 26.Februar 2010 ein Pressefrühstück mit Nadia Al Sakkaf, der Herausgeberin der Yemen Times


Anlässlich des Pressefrühstücks gab Nadia Al Sakkaf eine Einblick in die demografischen Herausforderungen Jemens, die kritischen Situation von Frauen und prangerte korrupte Strukturen an, die sich einer positiven Entwicklung in den Weg stellten. Abseits jeder Kritik brachte sie jedoch auch Beispiele kleiner Errungenschaften von individueller Courage die von kritischer Haltung und dem Einsatz der jemenitischen Bevölkerung zeugen.


Das Pressefrühstück selbst wurde auf englisch gehalten. Auf deutsch hier eine Zusammenfassung von Nadia Al Sakkafs Vortrag:


Das Bild welches Nadia ausgangs skizziert, umreißt die demografischen Problematiken Jemens. Als das am wenigsten „entwickelte“ Land im ganzen Raum des Nahen Ostens liegt der Jemen auch im internationalen Ranking des HDI (Human Development Index; Anm. siehe http://hdrstats.undp.org/en/countries/country_fact_sheets/cty_fs_YEM.html) unter den letzten zehn Ländern. Diese grundsätzlich schlechte Ausgangslage wirkt sich jedoch speziell auf Frauen und Kinder noch stärker aus. Auf die Erzählungen einer Freundin verweisend hebt Nadia hervor, dass sich dies besonders in ländlichen Regionen zeige. So sei es in manchen Regionen üblich, dass der Mann als erster esse, während Frau und Kinder sich den Rest teilten. Und kritisch fügt sie die Frage an „stellen Sie sich vor, dass die grundsätzliche Menge an Essen gering ist, wie viel bleibt dann für die Frau und Kinder?“. Eine Situation die sie and die Tierwelt erinnere, in welcher die Löwen vor allen anderen fressen, obwohl es die Löwinnen seien, die die Beute erlegten. Eine zynische Parallele. Es seien schlussendlich jedoch auch in der jemenitischen Gesellschaft die Frauen, auf die ein Großteil der Arbeit fällt, die die gesamte Hausarbeit zu machen hätten, in deren Aufgabenbereich die Kindererziehung falle, der vielen Kinder, sowie diverse Arbeiten auf dem Feld, während der Mann arbeiten gehe. Das Schlagwort Kinder weist zudem auf ein zusätzliches Problem - das bei 3% liegende Bevölkerungswachstum. Hält man sich an diese Zahl, würde dies für den Jemen eine Verdoppelung der Gesamtbevölkerung bis 2030 bedeuten. Ein „unheimlich“ Prognose wie Nadia befindet, zumal die Ressourcen spärlich bzw. bereits zum gegebenen Zeitpunkt nicht ausreichend sind. So ist etwa Jemens Zugang zu Wasser gegenwärtig nicht ausreichend und auch die Erdölvorkommen seien früher oder später erschöpft.


Abgesehen davon wirft sie ein, dass gut 35 % der Mädchen im Jemen keine Schulausbildung besäßen, nicht einmal „davon träumen könnten“. Doch sind es genau jene Mädchen, die bald Mütter würden. Ein weiteres Problem - es existiert kein Gesetz das das Mindestalter für Eheschließung festlegt. Ein Gesetz das diese Tage jedoch neu verhandelt wird, nachdem einige Mädchen, am bekanntesten Nojoud, mit ihren Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen sind. So hofft Nadia „Inshallah, dass das Parlament sich seiner Pflicht gegenüber der Bevölkerung bewusst ist und ein Gesetz das das Mindestalter für Eheschließungen festlegt verabschiedet“.


In den Raum blickend und auf die Frage hin, ob irgendwer jemals im Jemen gewesen sei vermerkt sie, dass die Körpergröße der anwesenden Personen im Vergleich zum jemenitischen Durchschnitt relativ groß sei. Dies sei jedoch nicht genetisch bedingt, sondern liege daran, dass 50 %, die Hälfte der Bevölkerung Wachstumsschäden unterläge, die auf Unterernährung basieren. Zudem ist die Kindersterblichkeit außerordentlich hoch. Eins von zehn Kindern stirbt durchschnittlich vor Erreichung des ersten Lebensjahres. Ebenso erschreckend hoch ist die Zahl der Müttersterblichkeit. Übergeordnet sei es jedoch die zunehmende Armut, welche zu den genannten Problemen führe. Und die zu bekämpfen stößt am Führungsstil der Regierung, an Korruption und der Gleichgültigkeit von Entscheidungsträgern gegenüber der Bevölkerung.


Genauso kritisch sei es mit der Polizei. Grundsätzlich würden Streitigkeiten gelöst, bevor Beamte kämen, da diese Situationen für gewöhnlich nur verkomplizierten. Ein weiterer Fall in dem die Gender Frage eine entscheidende ist. Es bestehe eine gewisse Skepsis bis hin zu Angst von Seiten der Frauen rechtsstaatliche Institutionen aufzusuchen oder Übergriffe, Vergewaltigungen und Missbräuche zu berichten. Das komme daher, dass die Frauen in vielen Fällen ignoriert würden, oder, wenn sie nicht nachgiebig sind, ihnen vorgeworfen werde, sie hätten es doch so gewollt. Doch auch hier erzählt Nadia vom Widerstand im Kleinen. Eine Frau, Mitte Vierzig und Epileptikerin wurde von einem angehenden Arzt missbraucht. Ihr erstes Bestreben zur Polizei zu gehen wurde mit Ignoranz abgetan. Niemand wollte mit ihr sprechen, sie sei „arm und dreckig“ und „überhaupt, wer würde dich wollen“, so die Reaktion. Doch die Frau focht weiter. Mit der Unterstützung ehrenamtlich arbeitender Anwälte gelang es ihr, den Fall vor Gericht zu bringen und ihn am Ende zu gewinnen. Der Anwalt jener Frau arbeitete in Kooperation mit einer NGO namens Yemeni Woman’s Union. Diese Union schaffe ein Netzwerk, das junge JuristInnen mit etablierten Unternehmen verbindet, ihnen so Zugang und Training verschafft wofür sie andererseits unbezahlt für die NGO Fälle von Menschen übernehmen, denen jegliche Mittel für Anwaltkosten fehlen.


Solcher Initiativen gäbe es einer Reihe im Jemen, die Zivilbevölkerung sei durchaus aktiv und bestrebt Dinge zu verändern. Neben Networking und Wissensaustausch dieser Organisationen sei es jedoch vor allem das Engagement der Frauen, in dem das Potential und eine notwendiger Antrieb für größere Veränderungen stecke.




Zur Person:


Eigentlich liegen Nadia Al Sakkafs akademische Wurzeln in der Informatik, was sie in Indien studierte und worauf ein Master in Informations-Management folgte, den sie in England absolvierte. Der Medienraum in dem sich Nadia bewegte begann sich jedoch weiter zu fassen, als sie mit Juli 2000 in den „klassischen“ Medienbetrieb einstieg. Anfänglich als Dolmetscherin und Reporterin unterwegs, schaffte es Nadia es sich über die Jahre vorzuarbeiten und ist nun seit 2005 die Chefredakteurin der ersten und größten englischsprachige Zeitung Jemens.


Ihr Einsatz und Erfolge im journalistischen Bereich wurden 2009 mit dem Gebran Tueni Award ausgezeichnet, der ihre Courage, ihr Engagement zur Verteidigung der Pressefreiheit sowie ihren professionellen und exzellenten Führungsstil würdigte.


Nadia Al Sakkafs Expertise umfasst Entwicklungsfragen, Gender und Medien im Nahen Osten, insbesondere im Jemen. Sie ist Mitglied des Yemeni Journalist Syndicate, des International Journalist Syndicate sowie im Vorstand des World Editors Forum.
Nadia Al Sakkaf ist verheiratet und hat eine Tochter.

 

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