
Im Kooperation mit Frauen ohne Grenzen organisierten wir am 22. November die Veranstaltung „Targeting Women – Women as Targets” im BAWAG PSK Veranstaltungszentrum Hochholzerhof.

Ulrike Lunacek, Nationalratsabgeordnete, außenpolitische Sprecherin der Grünen und Co-Vorsitzende der Europäischen Grünen Partei eröffnete die Konferenz:
„Sicherheitspolitik nimmt in den seltensten Fällen die Sicherheitsinteressen von Frauen ernst: häusliche Männergewalt Vergewaltigungen, Schutz vor Frauenhandel; Ausbildung und Gesundheitsversorgung sind genauso weibliche Sicherheitsinteressen wie die Sicherung von eigenem Einkommen und beruflichen Möglichkeiten oder die Versorgung von Kindern und alten Leuten, von Kranken und Witwen. In Ländern wie Irak oder Afghanistan für Frauenrechte zu Kämpfen erfordert viel Mut - viel mehr Mut als für unsereine hier in Österreich oder anderen Teilen Europas. Es freut mich sehr, dass so mutige Frauen wie Rajaa al Khuzai und Saliha Mehrezad der Einladung nach Wien gefolgt sind und wir die Gelegenheit haben, direkte Informationen über ihr mutiges Engagement in ihren Heimatländern zu bekommen.“
„Ich bin nicht frei“
Dr. Rajaa al-Khuzai, Ärztin, Politikerin und Aktivistin, hat in London studiert und ist 1977 in den Irak zurückgekehrt. Sie war die erste Ärztin in ihrer Heimatstadt Diwania und leitete als erste Frau ein Frauen und Kinder Spital. Aufgrund der dramatischen Entwicklungen im Land hat sie die irakische Witwenorganisation, www.iraqiwidows.org, aufgebaut, die für viele Frauen die einzige Existenzgrundlage darstellt. Sie ist die erste Frau, die das Modell der Kleinkredite für Frauen zugänglich gemacht hat. 2004 war sie für den Friedensnobelpreis nominiert.
„Ich kann mich erinnern, 1969 war eine furchtbare Zeit. Wir haben in den Spitälern nie die Medikamente oder das Essen bekommen. Ich habe jeden Tag miterlebt, wie Kinder und Mütter sterben. Während der Sanktionen verloren wir 600.000 Kinder – aufgrund von Unterernährung und Mangel an Medikamenten. Die Gehälter für ÄrztInnen waren sehr gering; ich habe zum Beispiel einen Dollar im Monat verdient und mein Mann, er ist Neurochirurg ebenfalls. Wir hatten glücklicherweise unsere eigenen Praxen, so konnten wir überleben, aber andere mussten wirklich ihr Hab und Gut verkaufen, sie verkauften sogar die Fenster und Türen ihrer Häuser. Da waren wir wirklich an einem Punkt angelangt, wo ich dachte, es geht nicht mehr weiter, es muss sich etwas ändern.
Wir dachten, wir würden unser Land wieder aufbauen…
Nach dem Sturz Saddams waren wir alle so glücklich. Aber leider haben sich die Dinge dann nicht in die richtige Richtung entwickelt und unser Traum wurde bis dato nicht wahr. Wir dachten, wir würden unser Land wieder aufbauen, unsere Kinder hätten eine aussichtsreiche Zukunft vor sich usw, aber nichts davon ist passiert. Stattdessen bestimmen Gewalt und Terror den Alltag. Seit ich von Paul Bremer als eine von drei Frauen als Mitglied ins Government Council einberufen wurde, bin ich in Gefahr. Meine Kollegin Aqila al-Hashimi wurde vor ihrer Haustür ermordet, von einer anderen wurde der 19jährige Sohn umgebracht. Ich dachte wirklich, ich wäre dann die nächste. Frauen sind Zielscheiben, ganz klar. Anfangs hatte ich sechs Bodyguards, mittlerweile sind es 30. Ich bringe meine ganze Familie in Gefahr, mein Ehemann musste seine Arztpraxis schließen. Wir wurden und werden alle bedroht und ich lasse meine Kinder nie ohne Bodyguards aus dem Haus. Ich bin nicht frei.
Ich habe mich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, ich gehe nicht einmal mehr noch einkaufen. Wir haben uns quasi selbst eingesperrt, kommunizieren via Email wenn es Strom gibt."
Die irakische Witwenorganisation
Als Reaktion auf die dramatische Situation in ihrem Land hat Dr. Rajaa al-Khuazi Anfang 2004 die Irakische Witwenorganisation (www.iraqiwidows.org) gegründet.
Als erste Frau hat sie das Modell der Kleinkredite für Frauen im Irak zugänglich gemacht. Die NGO stellt für viele Witwen, die zum Teil erst 15 oder 16 Jahre alt sind, die einzige Existenzgrundlage dar.
„Es gibt so viele junge Witwen im Irak. Im Durchschnitt sterben täglich etwa hundert Menschen, das bedeutet, dass monatlich etwa 3000 Witwen dazukommen. Und diese Frauen sind so jung, sie alle haben keine Unterstützung, keine wirtschaftliche Basis für sich uns ihre Familien. Ich bin froh, dass ich zumindest im kleinen Rahmen helfen kann. Bisher haben wir etwa 1000 Frauen unterstützt, aber die Warteliste ist endlos lang.
Nach dem Fall Saddams dachten wir, dass neue Krankenhäuser gebaut werden und in Gesundheitszentren, vor allem für Frauen, investiert wird. Aber bisher ist nichts geschehen. Wir arbeiten immer noch mit den alten Instrumenten, die zum teil gar nicht vollständig sind. Die Rate an Krebserkrankungen ist in den letzten Jahren enorm angestiegen, vor allem Brustkrebs. Durch den Mangel an Medikamenten und adäquaten Behandlungsmöglichkeiten stehen wir vor einem großen Problem.
Am schlimmsten ist aber, dass all guten Ärzte und Ärztinnen das Land verlassen haben. In den Spitälern arbeiten die JungärztInnen und STudentInnen, sie haben noch keine Expertise. Die ExpertInnen sind alle nach Jordanien oder in andere Teile der Welt ausgewandert. Das Gesundheitssystem heute ist schlimmer als während der Diktatur oder den Sanktionen.
Dennoch, wir, alle IrakerInnen, sollten optimistisch sein. Es muss weitergehen. Stellen Sie sich vor, mehr als 3000 IrakerInen verlassen täglich das Land. Aber wir müssen dran bleiben.
Ich sehe Licht am Ende des Tunnels."
Daliya F. Shawkat ist 24 und hat vor einem Jahr ihr Pharmaziestudium in Bagdad abgeschlossen. Sie beschreibt als Sprecherin für die junge Generation ihren Alltag im Irak:
„Ich erinnere mich, wie das Leben von Tag zu Tag, von Monat zu Monat, gefährlicher wurde in den letzten Jahren. Normalerweise habe ich etwa eine halbe Stunde gebraucht, um zur Uni zu kommen, im letzten Jahr waren es zwei Stunden und mehr. Die Strassen sind gesperrt, meistens wegen der Autobomben. Die meiste Zeit habe ich im Kerzenlicht, ohne Strom, studiert.
Wir, die junge Generation, haben zuvor nie von Internet oder Computer gehört, das hat Saddam nicht erlaubt. Und jetzt müssen wir das alle lernen, das ist ein wichtiger Schritt in die Zukunft. Am Ende meines Studiums lebten die meisten ProfessorInnen noch im Irak, aber jetzt sind sie alle weg. Der Großteil ist entweder ins Ausland gegangen oder in einen anderen Teil des Landes gezogen. Das ist eine schreckliche Entwicklung, wenn man bedenkt, dass die jungen Leute jetzt keine ProfessorInnen mehr haben, die gebildeten Menschen sind alle weg. Ich würde so gerne die StudentInnen aus beiden Ländern zusammenbringen, zum Beispiel über Videokonferenzen oder über eine Internetplattform. Das wäre ein Anfang und natürlich eine Unterstützung. So könnten die IrakerInnen von den Leuten in Österreich lernen. So möchte ich dem Irak helfen.“
Nicht nur im Irak steht die Bevölkerung vor derartigen Problemen. Auch in Afghanistan sind Gesundheit, Bildung und Sicherheit nicht gewährt. Saliha Mehrezad, Parlamentarierin, Aktivistin und ehemalige Schuldirektorin und Huma Naseri sprachen ebenfalls in Wien. Sie sind beide als Koordinatorinnen am Frauen ohne Grenzen Begegnungs- und Kulturzentrum in Nimruz tätig. Bei diesem Projekt werden Alphabetisierung., Englisch und Computerkurse für Frauen angeboten. Mehr als 200 Besucherinnen gibt es täglich. Zusätzlich gibt es Gesundheits- und Rechtsberatung. Da es Frauen jedoch oft nicht erlaubt ist, das Haus alleine zu verlassen, um in das Zentrum zu kommen, werden auch Fachpersonen ausgebildet, die von Haus zu Haus gehen, und die Fragen in gesundheitlichen Belangen beraten und untersuchen.
Auf dem Papier hat sich vieles geändert
Saliha Mehrezad war die erste Frau in der gesamten afghanischen Nimruz-Provinz, die einen High-School Abschluss hatte. Sie arbeitete als Lehrerin und Schuldirektorin und war 2002 und 2003 Abgeordnete bei der Loya Jirga (große Ratsversammlung). Heute lebt sie als Parlamentarierin in Kabul:
„Frauen in Afghanistan haben keine Sicherheit, sie erfahren keine Gerechtigkeit, sie haben keinen Zugang zu Bildung. Gewalt ist ein großes Problem und solange wir die Armut nicht bekämpfen können, wird es uns auch nicht gelingen, Gewalt zu verringern. Viele Mädchen werden schon mit 12 oder 13 Jahren verheiratet und bekommen als Teenager Kinder. Sie haben keine Chance auf Bildung, keine Chance auf einen Job, keine Chance auf Würde und Gerechtigkeit. In Kabul ist die Situation nicht so dramatisch, aber in den ländlicheren Regionen gibt es eine sehr hohe AnalphabetInnenrate.
Auf dem Papier hat sich so vieles geändert, aber in der Realität nicht.
Während der Taliban Herrschaft mussten die Frauen zu Hause sitzen, hatten keinerlei Rechte. Jetzt steht sogar in der Verfassung, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind.
Es ist so wichtig, die wirtschaftlichen und sozialen Standards zu verbessern, denn dann können Frauen auf ihren eigenen Füßen stehen, dann kann Demokratie gelebt werden und dann bekommen Frauen ihre Rechte. Ich hoffe wirklich, dass die Internationale Gemeinschaft Afghanistan jetzt nicht im Stich lässt, denn sonst würden wir wieder in die Hände unserer Feinde fallen. Wenn die Taliban wieder an die Macht kommen würden, wären Frauen die ersten Opfer. Und die Frauen hätten keine Stimmen mehr“.
Ich werde nicht aufgeben, ich habe viel vor…
Huma Naseri hat fast ihr gesamtes Leben im Exil in Pakistan verbracht:
„Als ich ein Jahr alt war, bin ich nach Pakistan gezogen, vor zwei Jahren bin ich nach Afghanistan zurückgekehrt. Afghanistan war eine völlig andere Welt für mich. In Pakistan hatte ich alles, viele Möglichkeiten, aber in meiner Heimat war es anfangs wirklich schwer für mich. Aber ich wusste, ich musste bleiben, schon alleine deshalb, um den Afghaninnen zu helfen. Ich bin mit den Frauen zusammen gesessen und habe ihnen erklärt, was ihre Rechte sind, habe sie dazu aufgefordert, ihre Rechte einzufordern, vor allem auch von den Ehemännern.
Ein großes Problem sind Vergewaltigungen, das wird von Tag zu Tag schlimmer. Solange Fundamentalismus vorherrscht, Warlords an der Macht sind, wird sich nichts ändern.
Ja, es stimmt, wir haben eine Verfassung, wir haben auch ein paar demokratische Parteien, aber sie haben keine Stimme, weil nach wie vor Taliban und Warlords das Wort haben. Täglich werden Schulen niedergebrannt und die Eltern trauen sich nicht mehr, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Es herrscht große Unsicherheit.
Aber ich werde nicht aufgeben, ich habe viel vor und als starke und ihr Land liebende Politikerin möchte ich mein Volk aus der Armut und mein Land in die Unabhängigkeit führen.“
Wir danken unseren SponsorInnen (Hotel Domizil, Hotel Zipser, Hotel Le Meridien, BAWAG PSK) und den Botschaften von Irak und Afghanistan in Wien für die freundlichen Einladungen.
*Dr. Rajaa al-Khuzai